
1:4 und Schluss. Zeitz jubelt, aber die mitgereisten Geraer kochen vor Wut. Vor dem Stadion warten sie, ihr zorniges Gelärme dringt bis in die Kabine: „Schmeißt ihn in die Elster.“ Referee Friedrich Trumm traut sich nicht heraus. Da fasst ein Spieler seine Hand und führt ihn sicher durch die Menge. Sein Name ist Siegfried Offrem. Die Geraer würden ihm nie etwas tun – so kommt der Schiri davon.
Die Szene hat man in der Familie oft erzählt, sie zeigt, wie der Mensch und Sportler Siegfried Offrem tickte. Sportsgeist, Menschlichkeit und Bescheidenheit zeichneten ihn aus. Damit erntete Offrem beachtliche sportliche Meriten. Er wurde in den 50er-Jahren zum Stammtorhüter und zur Identifikationsfigur der Motor- bzw. Wismut-Elf. Nur drei Spieler brachten es auf mehr Oberligaspiele für Gera, zudem stand er bei drei Allzeit-Rekorden im Tor.
Dabei hätte Siegfried Offrem den Fußballplatz nie wieder betreten dürfen. Zumindest aus medizinischer Sicht. Auf Krücken humpelte er um 1948 in seine Heimatstadt zurück, der Leib abgemagert, die Lunge vergiftet von den Dämpfen einer Batteriefabrik, die Knochen zerschunden im Arbeitslager in Karelien. Den Tod vor Augen hatten ihn die Russen zurückgeschickt. Es war nicht mehr viel übrig von dem fröhlichen Fußballer, der sich 1942 zur Kriegsmarine gemeldet hatte und dann bei den Panzern gelandet war.
Schon sein Überleben war wie ein Wunder. Aber Fußballspielen? Kaum denkbar. Doch in der Nachkriegszeit wuchsen Zusammenhalt und Kameradschaft und die Fußballer hatten auf Anhieb etwas Verbindendes – ihr Spiel. Offrem glaubte an den Fußball und er glaubte an sich.
1948 war das Jahr der ersten Ostzonenmeisterschaft, im Jahr darauf begann die SG Gera-Pforten eine größere Rolle zu spielen. Offrem arbeitete eisern, erst in der Reha, dann im Training. Er hatte die Position gewechselt, der Feldspieler war ins Tor gegangen. Immer wieder hechtete und faustete er nach den Bällen, obwohl gar nicht fest stand, ob er je zum Zuge kommen würde.
Denn die BSG Gera-Süd spielte ab 1949/50 ganz oben in der damaligen DS-Liga und sie hatte mit Fritz Blumert eine klare Nummer 1 im Tor. Der bestritt alle 26 Erstliga-Spiele und schaffte mit der Elf den sensationellen Klassenerhalt. Eine Stammelf wurde damals kaum verändert. Die BSG Gera-Süd setzte z.B. in der ersten Saison nur 20 Spieler ein, sechs von ihnen bestritten dann sechs oder weniger Spiele. Wer nach oben wollte, musste nicht nur etwas können – er musste auch Geduld haben. Und Glück.
Offrem hatte beides: Torhüter Fritz Blumert entschied sich nach der Saison für einen Wechsel nach Pirmasens. Für die Saison 1950/51 musste ein neuer Torwart her, das war Offrems Chance. Nach vier Jahren unmenschlicher Anstrengungen in der Kriegsgefangenschaft und zwei Jahren harter Arbeit in Reha und Training stand er wieder in der Geraer Elf, dieses Mal ganz hinten.
Aber sein Debüt gerät zum Debakel. Noch vor dem Oberliga-Start spielt die BSG Gera-Süd am 6. August 1950 im FDGB-Pokal gegen Tabak Dresden. Als Finalist des Vorjahres ist Gera klarer Favorit. Die Dresdner kommen deutlich besser aus der nur vierwöchigen Sommerpause. Die Geraer, ohne drei Stammspieler, gehen unter. In der 30. Minute holt Offrem den ersten Ball aus dem Netz, nach der Pause klafft in der Abwehr ein Loch neben dem anderen und die Tabak-Stürmer schießen präzise. Das 0:8 wird Geras höchste Niederlage im FDGB-Pokal, aber Siegfried Offrem ist für die Fuwo trotzdem noch mit der beste Geraer.

Auf seinen ersten Oberliga-Auftritt muss er dann wieder warten, er hat sich die Hand gebrochen. In den ersten zwölf Saisonspielen wird das Geraer Tor von Manfred Schmidt gehütet. Im 13. ist Offrem wieder da. Er macht keine Fehler, trotzdem verliert Gera gegen Thale unglücklich 1:2. Die Woche drauf holt der Torhüter den ersten Punkt beim 1:1 in Dresden und schließlich kann er am 3. Dezember den ersten Oberliga-Sieg feiern: Gera schlägt Weimar 8:0, Geras höchster Oberliga-Sieg. Siegfried Offrem steht damit auch bei diesem Rekord im Tor – die passende Entschädigung für das Spiel in Dresden. Als Stammtorhüter bestreitet er die restlichen Saisonspiele, insgesamt sechs Siege, sieben Remis und neun Niederlagen schafft er. Souverän hält Gera die Klasse.
In der Folgesaison 1951/52 bestreitet er 35 der 36 Saisonspiele, zusammen mit Manfred Kaiser die meisten. Gleich mehrfach sichern seine Qualitäten als „Elfmeterkiller“ der Geraer Elf wichtige Punkte. Über den Sieg in Dessau urteilt die etwa die Neue Zeit: „Die Geraer, die nun kaum noch von Abstiegssorgen geplagt werden, stützten sich in der Hauptsache auf ihren ausgezeichneten Linksaußen Kaiser, der selbst zwei Tore schoss und auf ihren Torhüter Offrem.“ Der Lohn: Offrem wird 1952 als vierter Torhüter zum Trainingslager für das erste DDR-Länderspiel eingeladen.

Offrem gehört mit Manfred Kaiser, Bringfried Müller und Herbert Petzold zu den Korsettstangen der Geraer Oberliga-Elf. Sie treffen sich auch oft privat, Offrem wohnt im ebenso wie „Binges“ Müller im erst 1950 eingemeindeten Stadtteil Langenberg. Kameradschaft wird groß geschrieben und gelebt. Das drücken gemeinsame Aktivitäten, aber auch die Spitznamen aus: „Assa“ Petzold, „Hitschy“ Freitag oder „Edy“ Offrem. Und dazu gehört ebenso die Treue zum Verein. In den Zeiten vor dem Mauerbau gab es immer wieder Angebote aus dem Westen, der damals mit vier Oberligen spielte – auch für Offrem. Doch für den kam das nie in Frage, wegen der Kameraden und weil Motor, später Wismut Gera nun mal mehr für ihn war als ein Verein.
So ist es für die Truppe Ehrensache, dass es nach dem Abstieg 1953 wieder nach oben gehen soll. Aber erst 1954/55 hat Gera eine realistische Chance. Im Oktober hat man den zweiten Rang der Liga-Staffel 3 erreicht und sitzt Chemie Glauchau im Nacken.

Doch die Funktionäre machen der BSG Wismut einen dicken Strich durch die Rechnung: Gera werden Anfang November sämtliche Punkte aberkannt, weil zu Saisonbeginn ein nicht spielberechtigter Spieler teilgenommen hatte. Als die Elf wieder aus dem Keller ist, werden Manfred Kaiser, Bringfried Müller und Horst Freitag in der Winterpause nach Aue zum damaligen SC Wismut delegiert. Der Aufstiegstraum ist aus.
Offrem bleibt und wird mit Gera noch Staffelzweiter. Die Freundschaft zu den Abgewanderten bleibt auch. Im Sommer 1955 gibt es ein großes Wiedersehen in Wolkenstein, dorthin wurden die Wismut-Fußballer verschiedener Mannschaften zur Erholung eingeladen. Manfred und Marianne Kaiser heiraten in dieser Woche. Als dem Brautpaar beim traditionellen Baumsägen die Puste ausgeht, springen zwei gute Freunde ein: die Geraer Siegfried Offrem und Herbert Petzold. Dem Eheglück steht nichts mehr im Weg.

Den Aufstieg schafft die BSG Wismut Gera in den folgenden Jahren nicht mehr. Siegfried Offrem hütet das Tor der Wismut noch bis 1960, insgesamt für mehr als 100 Ligaspiele. Kurz vor Karriereende spielt er am 21. Februar 1960 zum zweiten Mal im FDGB-Pokal. Gegen Sandersdorf gewinnt Wismut 3:2 und damit hat Offrem auch in diesem Wettbewerb seinen Sieg. Die Spielerkarriere lässt er in Pößneck ausklingen, 1964 gibt er als „Alt-Repräsentativer“ den Kollegen aus Erfurt das Nachsehen, als er mit einer Elf aus Geraer und Jenaer Spielern 3:2 gewinnt. Danach wird er Trainer und trainiert unter anderem Pößneck und später die Jugendmannschaften der BSG Wismut.

Ab Mitte der 80er-Jahre sehen die Fans Offrem dann im Stadion der Freundschaft wieder, wo er als Platzwart für guten Rasen bei den Liga-Spielen sorgt.
Noch 1988 ist Siegfried Offrem für seinen einstigen Mannschaftskameraden und Nationaltrainer Georg Buschner das Paradebeispiel, wie man durch geschicktes Training, Fleiß und Mut auch als „umgeschulter“ Torhüter eine Spitzenleistung erreicht. An Offrems 87 Erstliga-Spiele kommt kein Geraer Torhüter jemals wieder heran und kein Geraer Torhüter hat mehr Spielzeiten – 3 – in der höchsten Spielklasse der DDR aufzuweisen. Siegfried Offrem ist am 7. Oktober 2000 gestorben, am 49. Jahrestag des Vereins, der ihm so viel bedeutet hat.
